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Bájale



Das mexikanische Festland lag bereits mehrere Stunden hinter uns und die leicht betagte Frachtfähre, welche uns noch eine ganze Weile beherbergen würde, bahnte sich langsam aber zielsicher ihren Weg durch die geschmeidigen Gewässer der Cortez See auf Kurs Richtung Norden. Ich liege inmitten einer farbenreich zusammengewürfelten Horde mexikanischer Trucker und ein etwa 3 Zentner schwerer Muchacho trampelt mich, beim Versuch sein Lager zu erreichen, grazilen Fußes aus dem Schlaf. Dämmrigen Bewusstseins lausche ich für kurze Zeit dem freien Improvisationsspiel des Schnarchensembles, dessen dissonantes Kompositionsmuster mein Entgleiten in den Schlaf vehement verwehrt. Ich schreite an Deck und blicke für einen Moment gedankenlos in die Schwärze der lauen Nacht. Im seichten Streulicht der Scheinwerfer erkenne ich die springenden Silhouetten einer Gruppe Großer Tümmler. Mühelos spielen sie in der Bugwelle unseres Tauchschiffes und gespannt verfolge ich ihren elegant anmutenden Ritt. Mich durchströmt eine Melange wechselhafter Emotionen. Lachenden Auges blicke ich zurück auf die Erlebnisse der vergangenen Monate. Die natürliche Schönheit und Vielschichtigkeit des mexikanischen Festlandes und seiner Kulturen, die Weltoffenheit, Liberalität und Toleranz der Menschen, ihre entspannte Herzlichkeit, die unbeschreiblich beeindruckende Natur, kulinarische Köstlichkeiten, erstklassige Wellen und utopisch konstanter Surf. La vida tranquila. Wir verlassen eine Idylle. Es ist ein von Melancholie durchtränkter Aufbruch, doch verlangt es die Philosophie dieser Reise, der eine implizierte Rastlosigkeit innewohnt. Ein prägendes Kapitel geht zu Ende. Transition. Morgen schon befinden wir uns in La Paz, wo eine neue, lang ersehnte Episode beginnt. Baja California. Die 1300 km lange, wüstenähnliche Halbinsel mit ihren bis zu 25m hohen Kandelaberkakteen, verlassenen Buchten und Stränden, sowie der stellenweise bizarr wirkenden, grandiosen Natur, ist schon seit dem amerikanischen Surf-boom der 1960er, in dessen Zuge unter anderem das Konzept des Surftrips entstand, ein Mythos unter reise- und abenteuerlustigen Wellenreitern. Der frühe Pionier und Surfnomade war bereits damals auf der Suche nach perfekten Wellen in Abgeschiedenheit, welche er nicht selten in der Peripherie der vereinsamten, heiß-trockenen Peninsular, sowohl am Golf von Kalifornien, als auch an der pazifischen Westküste fand. In diesen Stunden erinnere ich mich lebhaft an die Lektüre eines Romans von Jaimal Yogis, welchen ich als Landlocked-Surfer vor vielen Jahren, in einer der immer wiederkehrenden Phasen des „Kalten Surfentzugs“ und im Rahmen extensiver Surftrashliteraturrecherchen, methadon-artig verschlang. Ungleich vieler anderer, relativ flacher Abhandlungen ihres Genres, hinterließ die „Coming-of-age Saga“ eines Surfbums, der während seiner Reisen durch die verschiedenen Facetten der Surfkultur auf der Suche nach sich selbst ist und dabei um einen tieferen Sinn im Leben ringt, einen bleibenden Eindruck. Mit Faszination folgte ich den punktuell stark lyrisch angehauchten Deskriptionen der Fusion von Ocean, Himmel und Erde und speziell seine Schilderungen der Baja zogen mich damals in ihren Bann. Ein Traum war geboren und eine Sehnsucht entstand. Voll freudiger und zugleich ungewisser Erwartungen beuge ich mich über die Reling der Fähre und meine Gedanken schweifen für einen Moment am Horizont entlang. Noch war es schwer zu begreifen, dass ich mich nun tatsächlich auf dem Weg auf diese sagenumwobene Halbinsel befand. Immer tiefer bohrte sich das Knattern des Dieselmotors in mein Bewusstsein und es war mit einem Mal, dass ich verstand. Hier stand ich nun an Deck der brummenden Fähre. Alles vibrierte. Ich war gespannt.













Alles vibrierte. Konzentriert umfasse ich mit beiden Händen das Lenkrad des Volkswagens. Ich bin leicht verspannt. Seit mehr als 2 Stunden streifen wir durch das weit abgelegene Gelände der Baja Norte, reiten die waschbrettartige, stellenweise stark ausgewaschene Piste, die uns kontinuierlich vor neue fahrtechnische Herausforderungen stellt. Immer wieder steige ich aus dem Wagen und prüfe die Tiefe des Sandes, baue Brücken, bewege Steine, stets hoffend, dass die Linie hält. Bisher hat der LT alle schwierigen Passagen erfolgreich gemeistert, wir bewegen uns jedoch an der Grenze des technisch Möglichen und ein gewisses Maß an innerer Unruhe bleibt. Die Küste fest im Visier sind wir dennoch bester Hoffnung, dass wir es schaffen und uns das staubige Terrain hinter dem nächsten Hügel nicht doch noch den Sand in die Augen treibt. Wie große Teile der Baja ist auch dieser Landstrich nur sehr dünn besiedelt. Tagelang begegnen wir keiner Menschenseele, sind auf uns alleine gestellt. Wir befinden uns im „Wilden Westen“ und bestaunen die raue Schönheit der außergewöhnlichen Landschaft, welche an eine Zeit ohne Menschen erinnert, in der unser Planet lediglich aus schroffer Natur und unberührter Wildnis bestand. In einer Welt, in der das menschliche Getöse stetig schwillt, bleiben die Wüstengebiete dieser Erde sichere Häfen der Ruhe und Abgeschiedenheit. Jeglicher Lärm verhallt in der schier endlosen Weite der jungfräulichen Schöpfung und man verliert sich im außergewöhnlichen Spektrum faszinierender Monotonie. Es herrscht Stille. Abermals steige ich aus dem Wagen und suche einen geeigneten Weg durch das trockene Flussbett, indem die Spuren einst passierender Fahrzeuge in einem diffusen Furchengewusel versickern. Der LT schafft auch diese letzte Hürde und erklimmt kurz darauf die finale Anhöhe, welche uns einmal mehr den atemberaubenden Blick auf eine der vielen Landzungen dieser Gegend und die sich nach Süden erstreckende Bucht beschert. Etwa 3 Wochen laben wir uns im Schoß der Seven Sisters. Die hiesigen Points erwachen zu dieser Jahreszeit allmählich zum Leben und werden beständig von den Swells der emsigen Nordhemisphäre genährt. Hier reiten wir Wellen und beobachten Delfine und Seelöwen beim Spiel im Meer. Wir erkunden Landschaft und Küste, sammeln frische Muscheln und fangen Fische, welche wir in der abendlichen Dämmerung am Lagerfeuer verzehren. Unter dem nächtlichen Sternenhimmel hören wir das Heulen der Coyoten und schauen ehrfürchtig in die Welt. Wir teilen den Moment mit einer Wüstenmaus, die sich neugierig zu uns ans Feuer gesellt. Stets aufs Neue werden wir vom Geist der Baja durchströmt. Es ist der Geist der Entbehrlichkeit und des natürlichen Reichtums, welcher uns mit der Gleichgültigkeit des Universums und im Hier und Jetzt versöhnt.



















Im südlichen Teil der Baja bot sich uns vor einigen Wochen zunächst jedoch ein völlig anderes Bild. Gerade angekommen in La Paz eilten wir sogleich in Richtung Südostcap, wo zu gegebener Zeit eine Schar erstklassiger Surfbreaks entsteht. Das Orakel prophezeite einen der vermeintlich letzten Südswells der Saison und dieser sollte uns tunlichst nicht entgehen. Nach einer holprigen Fahrt auf sandiger Piste erreichten wir unser Ziel im Dunkeln und was uns am nächsten Morgen blühte, war schwer nur zu verstehen. Wir blickten auf türkisblaues Wasser und einen hübsch anbandelnden Pointbreak, doch dauerte es nicht lange und das Unheil war geschehen. Ein scheinbares Paradies war schnell zunichte und die Abgründe des Luxustourismus taten sich auf. Gringos und Gringas strömten aus den Los Cabos des Südens, brachten Buggies, Pick-ups, Boote zuhauf. Die Kontraste der Lifestyles konnten härter nicht sein. Vor uns warf die millionenschwere Yacht ihren Anker, neben uns teilten zwei Minimalisten das Zelt mit einem Schwein. Die Baja-Romantik suchten wir hier vergeblich und so brachen wir die Zelte schleunigst wieder ab. Wir blieben obgleich der eingänglichen Ernüchterung jedoch stets frohen Mutes und bald schon sollte es sich wenden, das sprichwörtliche Blatt. Wir zogen auf gen Norden, verfielen der Magie der Wüste und konnten ihr gerade noch rechtzeitig wieder entfliehen. Des Regens bittere Süße bringt in hiesigen Breiten verheerungsvolles Chaos und zugleich seltene Schönheit. Wir wurden Zeuge einer Verwandlung. Auf dem Rückweg nach La Paz sahen wir die Wüste erblühen. Auf unserer Reise über die Halbinsel treffen wir auf einige Legenden und lauschen gespannt der Folklore einer längst vergangenen Zeit. Wir sind beeindruckt von ihrem nicht geschwundenen jugendhaften Enthusiasmus, der uns beflügelt und die Nuancen einer Kultur mit uns teilt. Wir haben ihn erfahren, den Mythos Baja, soviel ist gewiss. Er ist noch immer greifbar für alle, die den Strapazen trotzen und bereit sind ungewisse Wege zu gehen, um wie die frühen Abenteurer und Surfnomaden in der freien Wildbahn zu bestehen.











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